Isaranzeiger Mai 2021

Verfasst von am 08. Dezember 2021 in Allgemein

Wir werden Fair-Trade-Stamm!

Als Sie zuletzt im Supermarkt einkaufen waren, habe Sie sich da auch gefragt, wofür das blau-grüne Logo auf schwarzem Hintergrund auf dem Kaffee, der Schokoladentafel oder dem Strauch Bananen im Regal genau steht und was es eigentlich kennzeichnet? Schon klar, von dem Begriff „Fair Trade“ haben wir alle schon oft gehört und sowohl die privaten als auch die politischen Bestrebungen, vermehrt auf fair gehandelte Produkte zu setzen, sind in aller Munde. Doch da fairer Handel in Deutschland nach wie vor eine Nische ist und die Jahrzehnte alten Ansätze noch mehr in die öffentliche Wahrnehmung geraten sollten, haben wir uns als Pfadfinderstamm Maximilian Kolbe bei unserer Stammesversammlung 2019 dazu entschlossen, Fair-Trade-Stamm zu werden – hier ein kleiner Einblick in unsere Motivation dazu und unsere Hoffnung, dadurch einen Stein ins Rollen zu bringen.

Die Idee des fairen Handels geht zurück in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts und entstand in Nordamerika und Europa im Rahmen von Wohltätigkeitsprojekten im kirchlichen als auch studentischen Umfeld. Schon damals war der Anspruch an fair gehandelte Produkte, dass ihr Verkaufspreis die tatsächlichen Kosten, die während der Gewinnung der Rohstoffe und ihrer anschließenden Verarbeitung zu Verkaufsgütern anfielen, deckte sowie dass allen Herstellern gleichwertige Zugänge zu Märkten verschaffen wurden. Mit der Eröffnung des ersten Weltladens in den Niederlanden im Jahr 1969 wurde das handelspolitische Interesse und Engagement unzähliger Freiwilliger geweckt, deren Ansatz nicht nur den Verkauf fair gehandelter Produkte, sondern auch das Mitwirken in der Bildungs- und Informationsarbeit sowie der Politik umfasste. Während die Nachfrage nach fair gehandelten Produkten aus dem Handwerk zurückging und die Konzepte des fairen Handels neu überdacht werden mussten, kam der Vertrieb von fair gehandelten Waren aus dem landwirtschaftlichen Sektor als Alternative auf, sodass rasch Produkte des täglichen Lebens wie Kaffee und Tee, aber auch Kakao, Reis und Gewürze fair vermarktet wurden. Die Bestrebungen, beim Verkauf von Lebensmitteln deren gerechte Produktionsbedingungen in den Mittelpunkt zu rücken, nahmen weiter Fahrt auf, als fair gehandelte Produkte auch in größeren Verkaufsketten erstmals angeboten wurden und die Debatte eine welthandelspolitische Dimension annahm. Dass der Aufschwung des fairen Handels bis heute anhält, zeigt auch die kontinuierliche Umsatzsteigerung im Verkauf von fair gehandelten Produkten sowie die Integration der Aspekte zum fairen Handel in den Bereich der Computer- und Smartphoneherstellung.

Produkte aus fairem Handel stammen meist aus Entwicklungs- oder Schwellenländern und kennzeichnen sich dadurch, dass sie bestimmte Standards erfüllen: So müssen Händler gute und sichere Arbeitsbedingungen sowie existenzsichere Löhne für die Bauern in den entsprechenden Anbauländern sicherstellen. Zudem soll Frauen und Männern der gleiche Lohn gezahlt und Kinderarbeit soll unterbunden werden. Unter den verschiedenen Standards des fairen Handels wie „GEPA“ und „Naturland Fair“ ist „Fair Trade“ der bekannteste und größte, auf den auch wir als Pfadfinder künftig setzen wollen. In Hinblick auf unseren Beschluss, Fair-Trade-Stamm zu werden, haben wir uns deshalb vorgenommen, für alle bevorstehenden Aktionen im Konsum von mindestens drei Lebensmitteln dauerhaft auf fair gehandelte Alternativen umzusteigen. Die schillernden Zukunftsprognosen eines Gedankenspiels im Rahmen des ARD Zukunftspodcasts „Mal angenommen“, dem zu Folge global deutlich bessere Arbeitsstandards herrschen, weniger negative Umweltfolgen resultieren und Menschenrechte wesentlich besser geschützt werden würden, würde ausschließlich fair gehandelt werden, klingen auch für uns sehr erstrebenswert. In einem solchen Zukunftsszenario müssten allerdings auch nicht intendierte oder gar unerwünschte Effekte berücksichtigt werden wie beispielsweise die Preiserhöhung, der schwindende Wettbewerbsvorteil, die geographische Verschiebung von Produktionsprozessen sowie der mittelfristige Mangel an Ersatz-Arbeitsplätzen für Niedriglohn-Beschäftigte in der exportorientierten Textilwirtschaft des Globalen Südens. Mit dem Begriff „Fair“ muss man zudem kritisch umgehen, da dieser rechtlich nicht geschützt ist. Vielmehr handelte es sich bei der Charta des fairen Handels um nicht verbindliche Vorgaben, die einer erstrebten Absichtserklärung ähneln. Bewusst ist uns Pfadfindern zudem, dass die lokale Produktion von Lebensmitteln und die Angebote regionaler Anbieter ebenso gestärkt werden müssen und der Import von Produkten aus fernen Ländern, die gleichermaßen in Deutschland anzubauen und herzustellen sind, vermieden werden muss.

Und trotz allem sind wird der Überzeugung, dass gegen die Armut, die soziale Ungerechtigkeit und die finanzielle Ungleichverteilung in Ländern des Globalen Südens auf weltweiter Ebene gehandelt und gekämpft werden muss, insbesondere mit Blick auf den Konsum von Genussgütern und anderen Produkten aus aller Welt, deren Wertschöpfung meist gar nicht im Anbauland stattfindet und von deren Verkaufsgütern Menschen vor Ort noch nicht einmal ahnen – geschwiege denn finanziell profitieren; Stichwort Kakao und Schokolade. Sich für die alltägliche Arbeit auf dem Feld, in der Fabrik oder gar in einer Mine lebensgefährlichen Situationen auszusetzen zu müssen, die Ausbeutung der eigenen Kinder notgedrungen dulden zu müssen und keine Chancen auf eine Ausbildung mit Zukunftsperspektive zu haben – das sind Szenarien, die wir uns in einem Land wie Deutschland glücklicherweise gar nicht ausmalen können. Gerade aus unserer privilegierten Situation heraus möchten wir genau diesen Missständen entgegenwirken und ein Signal aussenden; ein Signal im Kampf für bessere Löhne, für die Abschaffung der Kinderarbeit und für humanitäre Arbeits- und Lebensbedingungen auf der ganzen Welt.

Schauen Sie doch bei einem Ihrer nächsten Einkäufe, ob Sie den herkömmlichen Kaffee in Ihrem Einkaufskorb gegen den fair gehandelten aus dem Regal gegenüber austauschen wollen oder ob sich die Schokolade mit fair gehandeltem Kakao trotz des höheren Preises qualitativ lohnt? Ein Versuch ist es sicherlich wert…

Der Mensch mit dem hochgehobenen Arm auf dem Fair-Trade-Logo symbolisiert übrigens Mut, Stärke und Ausdauer, der blaue Himmel steht für sein Potential und die grüne Natur, in der er sich befindet, für Wachstum und Nachhaltigkeit.

In diesem Sinne: Gut PfadDie Leitungsrunde vom Pfadfinderstamm Maximilian Kolbe Pullach

aus dem Isaranzeiger im Mai 2021